Mjays Planet

Houston, wir haben ein Problem

Posted in Web by Martin Spindler on November 25, 2008

Wir müssen reden. Über Social Media, das Bloggen, Twittern, und was wir sonst so machen, in diesem Internet, in diesem Web 2.0.

Es gibt mal wieder ein Debatte in Kleinbloggersdorf, welche die Journalisten wohl als selbstreferentiell bezeichnen würden. Der Economist titelt von der Krise des Bloggens, weil es im Mainstream angekommen ist. Andere wundern sich, dass ihr Feedreader nicht mehr so voll ist, wie noch vor kurzem. Wieder andere wundern sich über mangelnde Produkt- und Servicevorstellungen außerhalb der kommerziellen Plattformen wie TechCrunch oder GigaOm. Ist das Bloggen also in der Krise?

Die klassische Antwort lautet hier wohl, wie so oft: Kommt darauf an. Denn sicher gelten die Befunde, die seit Anfang des Jahres zu beobachten sind. Der Vernetzungsgrad sinkt. Die Akzeptanz sinkt. Und dennoch zeigt gerade das Beispiel Zwanziger, das Blogs konzertiert immer besser wirken können. Das erscheint auf den ersten Blick ziemlich Paradox.

Und dann stoße ich auf einen ziemlich anregenden Post bei Medienelite, der genau das versucht auszudrücken, was mir auch seit längerem durch den Kopf geht, nämlich: es gibt so viele Kritiker, aber warum gibt es dann keine wirklich guten Angebote? Es gibt so viele Projekte, aber die wenigsten erreichen etwas. Es ist schon richtig, dass Basic fragt: Was haben wir erreicht? Denn die Frage muss man sich zwangsläufig stellen, wenn man den anderen immer vorwürft: Ihr werdet untergehen, sterben, ihr macht das falsch, rafft es doch endlich.

Die allgemeine Stimmung bei Basic war, dass man Bloggen und Social Media doch einfach als Zeitvertreib sehen solle. Das mag stimmen, verfehlt aber den Punkt. Denn solange zwanghaft versucht wird, dem Komplex Old Media beizubringen und vorzubeten, ja sie anfleht, sich doch endlich mal um dieses Internet zu kümmern und ihnen gleichzeitig androht, sie gingen sonst unter, muss man sich zwangsläufig fragen: ist das denn tragbar?

Ich muss Don Alphonso Recht geben, wenn er sagt:

[Man muss] sich erst mal von den gegenseitlichen Bauchpinseleien lösen, dem frühen Lob der Unternehmung später eine angemessene Revision folgen lassen, gar innerhalb des Berliner Netzwerkes ein paar ehrliche Dinge sagen und einen Bruchteil so schonungslos sein, wie man die Kritik gegenüber den Medien formuliert.

Gemessen an den Erwartungen, die wir ja selbst an Social Media stellen, scheinen unsere eigenen Brötchen irgendwie nicht so ganz zu schmecken. Man spricht es nur nicht aus, sondern wundert oder empört sich über den wahrgenommenen Niedergang der Blogs. Mach einer wundert sich dann, dass Blogs nicht wahrgenommen werden, und dass Twitter immer noch ein Nischenphänomen ist, aber spielt dann weiter. Social Media als Selbstzweck. Blog pour le blog, wenn man so will.

Und da muss es nicht verwundern, dass so mancher Feedreader leerer erscheint als früher, hat sich doch dieses Konstrukt Blogosphäre allmählich aufgelöst. Das Gefühl, welches mit Büchern wie Wir nennen es Arbeit befeuert wurde, irgendwie dazu zu gehören zu dieser wie auch immer gearteten Medienrevolution, löst sich langsam im Staub auf. Es ist ja auch komisch, wenn auf einmal Strickblogs höhere Besucherzahlen und einen besseren Vernetzungsgrad haben, als das eigene, früher so gehypte, Blog über die neuesten Kinkerlitzchen im Netz. Willkommen in der Pubertät. Sinnkrise mit eingeschlossen.

All dieser Medienprotest, dieses betteln nach Aufmerksamkeit und die Forderung, dass sich die Strukturen doch endlich ändern mögen, trägt all die Züge einer klassischen Adoleszenz. Nur eine Frage scheint nicht wirklich gestellt zu werden: Wozu machen wir das?  Bloggen wir, wie Oliver Reichenstein glaubt, aus reinem Narzissmus? Was glauben wir, mit unserem Engagement innerhalb dieser sozialen Medien erreichen zu können, wenn wir Selbstdarstellung einmal außen vor lassen? Ist Bloggen, Twittern, die Präsenz bei Facebook, StudiVZ und Xing vielleicht doch nichts anderes als ein lebenslanger Bewerbungsprozess?

Es wird ganz gern vergessen, dass all diese neuen Kommunikationsformen nichts weiter sind als Werkzeuge. Dass sie eben keinen Selbstzweck haben. Dass es eben nicht darum gehen kann, zu bloggen, nur um einer von den Bloggern zu sein. ReadWriteWeb sagt das mit Al Gore: Web 2.0 needs a purpose. The Medium is the message, hin oder her. Ein Medium will mit Inhalten gefüllt werden. Und im besten Fall sind das dann Inhalte, die sich nicht in Protestbewegungen, gestützt auf falschen Vermutungen wie im Fall Heilmann, äußern, sondern die auch mal nachfragen.

Was ist also der Sinn hinter diesem Social Media? Die Demokratisierung der Medien, wie so gerne zitiert wird? Making voices heard? Dann bitte. Ich warte. Und versuche selbst, meinen bescheidenen Anteil daran zu leisten. Aber Bloggen nur um des Bloggens Willen? Dann können wir uns die Medienkritik sparen und uns wieder auf das letzte shiny new toy stürzen. Denn dann bleibt dieses Medium irrelevant. Und dann ist es auch besser so.

Da ist mir im Titel wohl ein Flüchtigkeitsfehler unterlaufen. Soll natürlich Houston heißen. Die URL ändere ich jetzt nicht mehr. ‘Tschuldigung.

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3 Responses

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  1. markus said, on November 25, 2008 at 22:18

    schöner text.

  2. Martin Spindler said, on November 25, 2008 at 23:51

    thx. ich hoffe er bewirkt auch was.

  3. Frank said, on December 3, 2008 at 14:36

    Ja, schöner Text. Wenngleich: Zeitverschwendung.
    Obwohl? Darum geht es ja schließlich.


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