Mjays Planet

Als ich die Polizei im Hörsaal sah

Posted in Politik by Martin Spindler on October 29, 2008

Es ist lange her, dass ich Menschen beiwohnte, die mit Worten wie “unerzogen” oder “unanständig” um sich warfen. Für mich haben diese Begriffe, die meist zur Mäßigung auffordernd verwendet werden, den Beigeschmack der wahrgenommenen moralischen Überlegenheit. Man kann andere nur als unerzogen oder unanständig bezeichnen, wenn man von sich selbst behauptet, zu wissen, was (gut) erzogen und anständig bedeuten zu haben. Und wie sich das äußert sieht man ja schließlich an sich selbst, dem gut erzogenen und anständigen Menschen. Das ist für mich einfach zu viel moral high ground.

Aber die Verwendung passte in die Veranstaltung, bei der eben diese Worte fielen. Der Wissenschaftsminister des Landes Baden-Württemberg war zu Gast in Heidelberg. Der Minister sprach auf Einladung des RCDS zum Thema Studiengebühren. Sowohl der RCDS als auch die Gebührengegner waren anwesend. Und damit ist eigentlich alles gesagt, den Rest könnte sich jeder selbst ausmalen. Aber einiges an diesem Abend verlief doch zu ungewöhnlich.

Ich kam ja selbst schon zu spät zu der Veranstaltung, der Herr Minister war aber noch nicht da. Und wie ich später erfuhr, habe ich einige wichtige Szenen schon verpasst. Denn offensichtlich hatte der RCDS wohl, wie ich aus späteren Gesprächen erfuhr, versucht, einige Studenten vom Besuch der Veranstaltung abzuhalten. Dass es sich dabei um die Gebührengegner handelte bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.

Der Hörsaal wahr entsprechend der Prominenz sowohl des Themas als auch der Person gut gefüllt. Gut 80 Studenten für eine politische Veranstaltung in Heidelberg zu finden ist schon eine Leistung. Unter den Besuchern befanden sich auch einige angehörige der lokalen Politikerszene, 3 Stadträte aus der CDU—der Partei von der der Landesvorsitzende des konservativen Studentenverbundes ganz selbstverständlich als der Mutterpartei sprach—welche sich später noch mit spitzfindigen Kommentaren zu Wort melden sollten.

Die polarisierte Stimmung im Saal war offensichtlich und doch etwas befremdlich. Es kommt auch in so kleinen Städten wie Heidelberg nicht oft vor, dass sich perlentragende Jurastudentinnen und Linksaktivisten mit Palästinensertuch über den Weg laufen, geschweige denn gut zweieinhalb Stunden im selben Raum aufhalten.

Das der Herr Minister dann endlich eintraf war nicht zu überhören. Das Pfeifkonzert begann noch bevor ich ihn überhaupt sah. Und noch bevor er das Wort ergreifen konnte fielen die ersten moralisierenden Appelle vom Landesvorsitzenden des RCDS der sich gegenüber dem Herrn Minister für die “Unerzogenen Studenten” entschuldigte.

Die eigentliche Veranstaltung lief ab da Störungsreich an. Die Gebührengegner waren offensichtlich nicht gewillt, den Herrn Wissenschaftsminister ungestört sprechen zu lassen und die Veranstalter vom RCDS ergingen sich in Aufforderungen zur Ruhe, Beschimpfungen gegenüber der Gegner und der etwas vage gehaltenen Einforderung von Anstand.

Dabei waren es gerade die Veranstalter des RCDS, von denen man Anstand einfordern müsste. Die letzte Möglichkeit, diesen politischen Konflikt, der zugegebenermaßen recht lautstark und zu weiten Teilen argumentativ destruktiv verlief, zu entschärfen sahen die Organisatoren offensichtlich darin, die Polizei zur Widerherstellung der guten, ruhigen Ordnung herbeizuordern, soll heißen: die Gegner aus dem Raum zu entfernen.

Und in dem Moment hätte man die Veranstaltung eigentlich verlassen können, denn die Staatsgewalt hat auf einer politischen Diskussionsveranstaltung herzlich wenig zu tun. Außerdem gab es für den Einsatz der Uniformierten Helfer keinen objektiven Grund. Weder körperliche Unversehrtheit noch irgendwelche Sachgegenstände standen jemals in Gefahr, irgendwie beschädigt zu werden. Es war den Veranstaltern einfach zu laut und man wollte den Ausführungen des Herrn Wissenschaftsministers doch gerne in Ruhe folgen.

Und es war doch so lustig zuzusehen, wie die Gesichter der perlentragenden Juristinnen schockiert versteinerten angesichts solchen zivilen Ungehorsams. Ein wunderbarer Anblick.

Aber ich schweife ab. Ich wäre froh hier berichten zu können, dass es bei diesem einen Einsatz unserer geliebten Ordnungshüter blieb. Jedoch erwiesen die Freunde in Grün uns gegen Ende der Veranstaltung noch einmal die Ehre. Diesmal mussten sie allerdings nicht unter dem Protest fast aller anwesenden Studenten und dem Einspruch einer Verwaltungsangehörigen der Universität vom RCDS zurückbeordert werden (was tatsächlich etwas von “die Hunde wieder an die Leine nehmen” hatte) sondern der Herr Minister höchstselbst erkannte, dass es für die Anwesenheit der Polizei keine Notwendigkeit gab.

Der Vortrag des Herrn Ministers, die immer wieder aufbrechende Diskussion, der Protest dessen Intensität eine Sinuskurve glich, all das verlief dann genau so wie man es zu erwarten hatte: grundlangweilig. Der Minister trägt seine Argumente vor, gemäßigte Studenten fragen nach Details in der technischen Verwaltung der Studiengebühren, bezüglich der Verwaltung, die Gegner kommen mit Sozialkeule und Humboldt. So weit so gut. Alles schon mal gehabt und totdiskutiert. Neues wurde nicht geliefert, von daher muss man einem der Abschlusskommentatoren mit der Meinung “In der Ankündigung steht was von Bilanz. Ich hab hier noch keine Bilanzierung gehört” recht geben. Nur den Einsatz eines Agent Provocateur sollten sich die Gebührengegner noch einmal kräftig überlegen. Sonst schaden sie sich selbst noch.

Was soll man sagen. Trotz der recht prominenten Besetzung dieses Themas kam doch nur ein politische Ränkespiel herum, was wohl wie so vieles an den Stammtischen von beiden Seiten noch oft hochgekocht werden wird. Mir wurde wieder einmal nur bewusst, dass beide Seiten sich nicht viel nehmen und genauso engstirnig vorgehen, dass einem fast übel werden muss. Weder Polizei noch gefälschte, weil aus dem falschen Lager gespielte Verleumdungen, haben bei solchen Veranstaltungen etwas zu suchen.

5 Responses

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  1. Johannes said, on October 30, 2008 at 18:21

    Wie man sieht hätte dir der Abend ohne grüne Männchen nur halb so viel Unterhaltung gebracht. Doch vermisste ich stattdessen was du dir von der Veranstaltung eigentlich erhofft hattest bzw. was du beigetragen hast. Klingt ja sonst fast so nach unbeteiligtem Zuschauen.

  2. Martin Spindler said, on October 30, 2008 at 18:25

    Um ehrlich zu sein war ich auch recht unbeteiligt an der veranstaltung. die argumente beider seiten sind ja hinreichend bekannt: mitfinanzierung vs. sozialverträglichkeit, berufsausbildung vs. humboldtsche bildung, etc.
    zu der bilanz wurde nich viel gesagt. und das wäre sicherlich das eigentlich interessante gewesen, wo fragen hätten aufkommen können. so blieb es bei allgemeinplätzen, und die ganze veranstaltung hatte den charakter der posse, die ich hier versuche darzustellen.

  3. Yannick said, on November 17, 2008 at 02:32

    Schön, dass du hier so für dich zusammenfasst und ein paar Leute sich nochmal Gedanken über die Veranstaltung machen, aber wenn ich deinen Bloggeintrag lese, dann reg ich mich eigentlich noch mehr auf, als über den Bericht bei der RCDS-Seite (http://www.rcds-bawue.de/index.php?option=com_content&task=view&id=74&Itemid=46)
    Ich meine dabei va das hier:”Was soll man sagen. Trotz der recht prominenten Besetzung dieses Themas kam doch nur ein politische Ränkespiel herum, was wohl wie so vieles an den Stammtischen von beiden Seiten noch oft hochgekocht werden wird. Mir wurde wieder einmal nur bewusst, dass beide Seiten sich nicht viel nehmen und genauso engstirnig vorgehen, dass einem fast übel werden muss.”
    Was für ein dummes Geschwätz, angesichts dessen, dass du dein Maul bei der Veranstaltung und anscheinend auch sonst nicht aufkriegst. Dass man den ganzen Scheiß schonmal gehört hat, ist richtig, und genau deswegen war die Stimmung ja so. Was hast du erwartet/erwartest du? Dass irgendwann neue tolle argumente kommen, wenn einem drei Jahre auf die gleichen guten keine Antwort gegeben wird?
    Natürlich gings da drum, auf den Putz zu hauen, die Perspektive dabei fehlt auch, was erwartest du in der jetztigen Situation an strategisch klugen Aktionen?
    Und was soll engstirnig heißen in diesem Zusammenhang? Sind solche “Aktionen” wie bei der Veranstaltung das einzige was die Leute machen, die da dort waren? So ein Schwachsinn! Das geht mir so auf die Eier, wenn solche pseudoobjektiven kritisch-gemäßigte nie selber was auf die Beine stellen, aber dann mit völlig falschen Interpretationsansätzen meinen, sie müssen in einer falsch verstandenen Objektivität (“beide Seiten…engstirnig…”) den letzten die noch was reißen, ihr unproduktives Kommentargelaber vor die Füße schmeißen. Krieg mal dein Arsch hoch, Junge statt solche Internetreden zu schwingen. Und komm mir jetzt nicht mit, ja, ich mach ja schon auch dies und das…
    und den scheiß provocateur fand fast jeder irgendwie kacke, das war eine einzelaktion wie alles an dem abend. abgesprochen war da eh so gut wie nichts.

  4. Martin Spindler said, on November 17, 2008 at 17:35

    Nun, was habe ich erwartet? Dass ein Bilanz gezogen wird. Euer Einwurf auf die vom Bundesministerium für Bildung zurückgehaltene Studie war da gut. Denn sowas nenn ich Bilanz. Das drumherum? Not so much.

    Dass Problem ist doch das: “abgesprochen war da eh so gut wie nichts.”
    Wenn nichts abgesprochen wird, wie soll dann was bei rum kommen? Wenn die Aktionen wirklich nur dazu da waren, Wut abzulassen, dann gut.
    Wenn ihr aber, was ich euch unterstelle, was bewegen wollt, dann habt ihr euch mehr geschadet als genutzt.

    Mich jetzt zu denunzieren und mir “völlig falsche[] Interpretationsansätze[]” und “unproduktives Kommentargelaber” vorzuwerfen und mich in die “pseudoobjektiven kritisch-gemäßigte” Ecke zu stellen mag gut fürs Ego sein. Es ist jedoch das komplett falsche, was ihr jetzt tun könnt.

    Müsste es nicht euer Ziel sein, mehr Leute zu erreichen, mehr auf das Aufmerksam zu machen, was falsch läuft? Mit Wutausbrüchen überzeugt ihr niemanden.

    Aber das ist wahrscheinlich auch nur wieder eine Meinung von so jemandem, der seinen Arsch nicht hochkriegt.

  5. M said, on November 24, 2008 at 01:26

    Es ging bei der Veranstaltung nicht darum Leute zu überzeugen, dass Studiengebühren falsch oder richtig sind. Alle die erschienen waren hatten schon eine so feste Meinung zu diesem Thema, dass ich nicht wüsste wer überzeugt hätte werden sollen. Dass die Gebührengegner, von denen sich die meisten schon seit mehrern Jahren mit dem Thema beschäftigen, den RCDS locker in die Tasche stecken hat man ja z.B. schon bei der Podiumsdiskussion Anfang des Jahres gesehen. Sämtliche Argumente auf 5 Seiten ausgebreitet findet man unter anderem in der “Heidelberger Erklärung gegen Studiengebühren”.
    Insofern geschah der Besuch diese Veranstaltung für die sog. “linke” Seite nicht um Argumente loszuwerden (es wurde doch als eher unrealistisch angesehen Frankenberg umzustimmen, der diese Argumente eh an jeder Hochschule aufs neue hört).
    Um sich mal in diese palituchtragenden ungezogenen Linksaktivist_innen hineinzuversetzen: Bei zwei großen Boykottversuchen immer wieder gegen menschliche Mauern anzurennen wenn man immer wieder stundenlang in der Kälte vor der Mensa steht (weil einem das Studentenwerk aus irgendeinem willkürlichen Grund verboten hat sich in den Eingangsbereich zu stellen), versuchen freundlich zu bleiben wenn man von einer teuer angezogenen Studentin gesagt bekommt “ich zahle gerne, gerne auch mehr”, dabei zahlt gar nicht sie sondern Mamma und Pappa, und gleichzeitig das Bild der Freundin im Kopf zu haben, die wegen Studiengebühren einen Mann heiraten musste ohne Zeit zu haben ihn davor kennen zu lernen und mit dem es nicht besonders gut läuft (ja, in Deutschland!). Sich Nächte um die Ohren zu schlagen um neue Flyer mit neuen Argumenten zu entwerfen, mit nur 50 Euro eine Demo auf die Beine stellen zu müssen, bei Nordasten um Geld betteln und eigentlich bewilligtes Geld dann doch nicht zu bekommen,… Dass dabei leicht großer Frust und bei einigen auch Haß auf “unpolitische” lahme Student_innen entsteht ist nur natürlich und hoffentlich nachzuvollziehen (wie waren wir froh, als wir uns nach den zweiten Boykott endlich um andere politische Themen kümmern konnten). Und was bietet sich besseres an als diesen Frust genau an die Person abzugeben, die den maßgeblichen Grund für all dies geschaffen hat? Dass die Veranstaltung vom RCDS organisiert war, war dabei uninteressant, hätte genausogut von der liberalen Hochschulgruppe sein können (die zwar auf der gleichen Liste zur Wahl antritt, sich aber bestimmt nicht als “konservativen Studentenverbund” bezeichnen würden ;-). Dass die mal mit “ungezogenen” Studierenden konfrontiert wurden ist nur ein positiver Nebeneffekt.
    Ein dickes Lob an all die Studentinnen und Studenten, die sich neben ihres Studiums gegen Studiengebühren engagiert haben, und das, obwohl auch bei vielen von ihnen die Eltern die Gebühren zahlen. Die die sich selbst finanzieren haben keine Zeit zu protestieren!

    First they came for the communists, and I did not speak out because I was not a communist.
    Then they came for the trade unionists, and I did not speak out because I was not a trade unionist.
    Then they came for the jews, and I did not speak out because I was not a jew.
    Then they came for me – and by that time there was no one left to speak out for me.

    Für mehr Solidarität und freie Bildung!


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