Mjays Planet

Hat denn niemand von AOL gelernt?

Posted in Politik, Web by Martin Spindler on July 17, 2008

Es geht mal wieder um Umverteilung, um Ausgebeutete und solche, die auf dem Rücken anderer Geld verdienen, und im wesentlichen geht es um Kontrolle. Die Rede ist nicht vom Kommunismus, die Rede ist nicht vom Merkantilismus. Es geht mal wieder um die Netzneutralität.

Man kann schon einiges davon gehört haben. Man könnte beispielsweise von Jonathan Zittrains Buch The Future of the Internet: And How to Stop It gehört haben. Oder man könnte von dem FCC-Hearing gehört haben, in dem ComCast vorgeworfen wurde, den Datendurchsatz bei Torrents künstlich zu drosseln. Ähnliches wurde auch dem hier ansässigen Provider KabelBW unterstellt.

Die meisten haben davon noch nicht gehört. Man kann davon ausgehen, dass die meisten nicht wissen, was diese Sache mit der Netzneutralität eigentlich ist. Damian Kulash Jr., Leadsinger der Band OK GO, wird da in der NYTimes folgendermaßen zitiert [via]:

If you haven’t been following the debate on net neutrality, you’re not alone. The details of the issue can lead into realms where only tech geeks and policy wonks dare to tread, but at root there’s a pretty simple question: How much control should network operators be allowed to have over the information on their lines?

Es geht im Kern also um die Frage: darf ein Service-Provider überprüfen, welche Seiten und Services ich nutze? Darf er entsprechend Traffic priorisieren? Und darf er Content-Providern die Datenvolumen, welche durch seine Leitungen gespeist werden, in Rechnung stellen? Nach dem Motto: viel Geld = Priorisierung = schnelle Zugriffsgeschwindigkeiten?

Gerade die britischen Provider melden sich zu diesem Sachverhalt recht laut und deutlich. Nachdem sich vor gut 3 Monaten der Chef von Virgin Media mit den Worten “This net neutrality thing is a load of bollocks.” zitieren ließ, meldet sich jetzt ein Vorstand von British Telecom zu Wort.

In einem Interview mit der Financial Times [via] Deutschland fordert François Barrault, Vorstandsmitglied bei BT, eine Beteiligung bei den für den Netzausbau notwendigen Investitionen. Die FTD zitiert Barrault mit den Worten:

“Es stehen Investitionen in Milliardenhöhe an. Jemand muss letzten Endes die Rechnung bezahlen.” Daher werde es in den nächsten fünf Jahren zu einer “Umverteilung des Wohlstands zwischen den Infrastrukturanbietern und den Inhalteanbietern” kommen.

und weiterhin:

Nun sei es aber an der Zeit, die Verdienstmöglichkeiten gerechter aufzuteilen. “Wenn sich das nicht ändert, wird es eben die Frage sein, ob der Kunde das bekommt, was er will – nämlich einen Film in zwei Sekunden herunterzuladen.”

Und da ist sie wieder–die Frage nach der Netzneutralität, die Kontrolle der übertragenen Inhalte und damit die Frage nach der prinzipiellen Offenheit des Netzes. Denn letztendlich führt eine solche Vereinbarung zwischen Providern und Inhalteanbietern wieder in jene walled gardens, mit welchen die Zeiten des populären Internets ja begannen: AOL und CompuServe. Der ökonomische Anreiz eines Providers ist dann, die Angebote, welche den besten Preis erzielen, bevorzugt zu behandeln. Was aber, wenn man gegen einen Aufpreis Wettbewerber aussperren kann?

Ich höre es schon. Jetzt wird wieder gesagt: Denkst du nicht zu weit? So was wird doch nicht passieren. Dann erinnere ich gerne an einen Rechtsstreit, in welchem die deutsche Porno-Industrie Arcor dazu brachte, verschiedene Porno-Seiten zu sperren. Und ich wundere mich über die Stimmen, welche beklagen, dass im Datentarif der Mobilfunkanbieter VoIP geperrt ist–griffe dies doch in das Kerngeschäft dieser Anbieter ein.

Das Internet ist nach wie vor mit großen humanitären Hoffnungen verbunden. Frei zugängliches Wissen steht hier sicher im Fokus; freier Austausch von Meinungen, von Ideen und Positionen. Die Revolution, die das Internet ausgelöst hat, basiert auf der Verfügbarkeit von unendlich viel Information. Die Frage ist nicht mehr, ob ich etwas weiß–die Frage ist, ob ich etwas in Zusammenhang setzen kann, aus den mir verfügbaren Informationen etwas Neues schaffen kann, etwas weiterentwickeln kann. Das Internet ist ein urdemokratisches Medium.

Sollen wir diese Offenheit des Internets dadurch gefährden, dass Inhalte, deren Bereitsteller nicht in der Lage sind, die Gebühren für einen vernünftigen Zugriff zu bezahlen, nur noch schlecht erreichbar sein können? Sollen wir diese Errungenschaft namens Internet dadurch riskieren, dass die Inhalte, welche mir zur Verfügung stehen, wieder vom Provider abhängen, bei dem ich meinen Vertrag habe? Dies waren die Zeiten von CompuServe und AOL. Diese Zeiten liegen zum Glück hinter uns. Und sie sollten nicht wiederkommen. Denn der Erfolg des Internets ist nur auf seine Offenheit zurückzuführen.

Daher: für ein neutrales Netz. Gegen die Restriktion des Zugriffes durch die Provider.

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