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Parsons, Dahrendorf und der soziale Wandel

Posted in Uni by Martin Spindler on May 28, 2008

Dieser Artikel ist eine abgeänderte Version eines Aufsatz, den ich im Rahmen des Seminares sozialer Wandel, sozialer Konflikt an der Universität Heidelberg belege. Er betrachtet das Gesellschaftsverständnis und die Rolle des sozialen Wandels bzw. des sozialen Konfliktes in den Theorien von Talcott Parsons und Ralf Dahrendorf.

Die betrachteten soziologischen Theorien, die Integrationstheorie von Talcott Parsons und die Konflikttheorie von Ralf Dahrendorf befassen sich mit der Struktur einer Gesellschaft und unter welchen Bedingungen sozialer Wandel stattfindet sowie welche Rolle sozialer Konflikt dabei spielt. Dabei unterscheiden sie sich nicht nur in der Auffassung und der Vorstellung von Gesellschaft bzw. derer Ordnung, sondern auch in der daraus resultierenden Einordnung des sozialen Konfliktes und dessen Einfluss auf sozialen Wandel.

Grundlegend unterscheiden sich diese Theorien allein schon in dem zu erklärenden Bereich: während die Integrationstheorie Parsons’ die Stabilität des Systems Gesellschaft in den Vordergrund stellt bezieht sich Dahrendorfs Konflikttheorie eben auf den Wandel einer Gesellschaft.

In Parsons’ Theorie ist eine Gesellschaft eine Agglomeration funktionaler Differenzierung. Bestimmte soziale Bereiche nehmen bestimmte Aufgaben wahr und leisten somit ihren Beitrag zur Existenz und der Stabilität der Gesellschaft. Zusammengehalten wird eine Gesellschaft durch konsensuale Werte, im Kultursystem verankert, welche als Handlungsmaxime herangezogen werden. Durch die im Sozialsystem manifesten Institutionen wird letzten Endes die Integration erreicht und erfolgt die funktionale Differenzierung der Gesellschaft. Hier unterstellt Parsons eine interaktive Integration, welche sich an den aus dem Kultursystem abgeleiteten Werten orientiert. Weiterhin differenziert Parsons sein Gesellschaftsmodell nach Persönlichkeitssystem, dem System der Zielverfolgung des einzelnen Individuums, und dem Organismussystem, in welchem Anpassungsprozesse stattfinden.
Parsons geht in seinem Modell axiomatisch von einem kybernetischen System aus, d.h. von einem komplexem, sich durch Feedback selbst steuerndem System, welches prinzipiell zum Gleichgewicht strebt.

Dahrendorf hingegen geht von einem sehr viel dynamischeren System aus. Für ihn steht nicht die Stabilität eines Systems in einem wie auch immer geartetem Gleichgewicht im Fokus sondern vielmehr die Ursachen für die Veränderungen von System. Dahrendorf konstruiert seine Konflikttheorie um den Antagonismus des Herrschaftssystem , welcher sich durch den einfachen Gegensatz von Herrschenden und Beherrschten ausdrückt. Und eben dieser Antagonismus hat für die Theorie des sozialen Konfliktes weiterreichende Konsequenzen, welche im Kontrast zu Parsons Integrationstheorie stehen: der Zwang.
Während Parsons von einem konsensualen Wertesystem ausgeht, welches eine Gesellschaft zusammenhält, versucht Dahrendorf zu zeigen, dass der Zusammenhalt einer Gesellschaft bzw. die Erhaltung des Status Quo durch Zwang durch die Beherrschenden erreicht wird.

Doch welche Rolle spielen sozialer Wandel und sozialer Konflikt in diesen Modellen?

Parsons legt in seinem mechanistischem Gesellschaftskonzept den Fokus auf die Systemstabilität, die Systemerhaltung, unter verschiedenen Bedingungen. Auch er schließt sozialen Konflikt, in seiner Formulierung Spannungen zwischen strukturellen Einheiten, nicht aus, versucht aber Lösungsmöglichkeiten dieser Spannungen ohne bzw. mit möglichst geringer Systembeeinträchtigung darzustellen. Die Spannungen sollten also durch Hemmung und Isolierung bzw. durch eine befriedende Lösung entspannt werden. Da die Spannungen in der Regel jedoch per se eine Beeinträchtigung des Systemgleichgewichtes darstellen und die volle Konformität zu den Werten des Gesellschaftssystem dadurch negieren sind diese als prinzipiell dysfunktional einzuordnen.

Dahrendorfs Theorie hingegen zeichnet sich durch den sozialen Konflikt, die Spannung, aus. Durch den Antagonismus von Herrschenden und Beherrschten kommt es zwangsläufig zu einem Konflikt der latenten Interessen, denn die Herrschenden wollen am Status Quo festhalten, die Beherrschten indes wollen den Status Quo ändern. Ob es zur Bildung von manifesten Interessengruppen kommt und inwiefern der Konflikt aufgelöst wird hängt nach Dahrendorf von empirischen Rahmenvariablen ab und ist daher im theoretischen Modell prinzipiell offen. Betont werden muss, dass Dahrendorf axiomatisch davon ausgeht, dass sozialer Konflikt systemimmanent besteht, also keinesfalls dysfunktional ist. Vielmehr sind die konkreten Auswirkungen dieses Konfliktes nicht rein theoretische Vorhersagbar.

Auch wenn die beiden Theorien hier als gegensätzlich dargestellt werden, sollten sie keineswegs als gegenseitig exklusiv verstanden werden. Dahrendorf betonte, dass die Integrationstheorie nach Parsons wichtig ist, eine Verortung einer Gesellschaft vorzunehmen. Aufgrund der Statik innerhalb des Modells ist sie aber ungeeignet, eine Entwicklung innerhalb einer Gesellschaft abzubilden. Dazu benötige man die Konflikttheorie, denn diese ziele darauf ab, Bewegung abzubilden, nicht den Zustand zu dokumentieren. Somit brauche man beide Theorien, um Gesellschaften hinreichend beschreiben bzw. erklären zu können.

Dieser Artikel ist unter der Creative Commons BY-SA 2.0 Germany License lizensiert.

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