Mjays Planet

Deutsche Blogs sind unreif?

Posted in Web by Martin Spindler on April 11, 2008

Die geringe gesellschaftliche Relevanz der deutschen Blogosphäre

Benedikt hatte den Anstoß gegeben, und zur re:publica wurde dann auch die Arbeitsgruppe Social Media gegründet, welche Standards zur Erforschung von Blogs und Social Software aufstellen will.

Nun wurden in der NetZeitung (via) zwei Studien vorgestellt, welche ebenfalls die Vermessung der deutschen Blogosphäre betrieben. Diese kommen aber zu einem ganz anderen Schluss, als das vielen innerhalb der Blogosphäre lieb sein dürfte.

Auf der Konferenz Re:publica wurde einmal mehr die These vorgebracht, der Journalismus werde in nächster Zeit verschwinden. Angesichts des dokumentierten Status Quo ergibt sich daraus eine erschreckende Aussicht: Ein Leben in Deutschland ohne politische Meinungsbildung.

Woran wird diese steile These festgemacht? Die vorgestellten Studien befassten sich mit der Auswertung bestimmter Schlagworte, so zum Beispiel Angela Merkel oder Terror. Weiterhin wurde die Verlinkung gemessen. Die Masterarbeit von Peter Bihr, im wesentlichen eine Delphi-Studie, kommt zu ähnlichen Ergebnissen – nämlich dass Blogs im Politikjournalismus kaum relevant sind.

Wo stehen wir also? Die NetZeitung schreibt:

Weitere Veröffentlichungen aktueller Studien stehen an, so dass die längst sehr leidenschaftlich und durchaus medienwirksam geführte Diskussion um die Deutungshoheit über Folgen und Wirkungen der Kommunikation im Web 2.0 endlich in produktive Bahnen gelenkt werden könnte.

So wie ich die Sache derzeit sehe, stehen die Zeichen aber vorerst weiter auf Konflikt. Berichterstattung wie beispielsweise in der Süddeutschen (via) fördern einen konstruktiven Diskurs nicht wirklich. Und solange Blogs wie das Bildblog eher als Kuriosum denn als Korrektiv wahrgenommen werden, kann auch keine gesellschaftliche Relevanz erlangt werden.

Nicht zuletzt verläuft die Diskussion um die Professionalisierung der Blogger hier in Deutschland recht unglücklich, das Panel auf der re:publica dürfte das verdeutlicht werden. Wir sehen hier einen paradoxen Zustand. Man möchte als Korrektiv wirken, man möchte den alten Medien ihre Fehler aufzeigen und will sich trotzdem explizit nicht als journalistisches Produkt verstehen. Und wenn man dann noch alles auch wirklich korrekt machen will, bleibt man eher in der Selbstreflexion hängen als weiter zu gehen.

Es bleibt zu hoffen, dass die AG Social Media neben der Festlegung von Standards zur Vermessung von Reichweiten etc. einen Beitrag zur Ursachenforschung leisten kann. Wenn die Blogosphäre als alternative wahrgenommen werden will, muss sie auch eine Alternative sein.

Dann reicht es nicht, staunend nach Amerika zu schauen, wo sich Imperien wie TechCrunch oder Huffington Post gebildet haben. Wenn die Blogosphäre in Deutschland deutlich wahrnehmbar sein möchte, dann muss das zwangsläufig mit einer Professionalisierung einher gehen.

Nachtrag: Die beste Zusammenfassung findet sich bei Robert Basic:

Hört sich nämlich irgendwie mehr nach einem “ich bin Experte, buch mich”-Buch an.

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8 Responses

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  1. […] abgeleitet wird) geäußert. So beispielsweise der Haltungsturner, Michael Bauer im Lockbuch, Mjays Planet, der Weltherrscher und Hansjörg […]

  2. Matthias said, on April 11, 2008 at 12:11

    An der umfangreichen Studie wird man sicher viel kritisieren können. Den Befund der mangelnden Reife der deutschen Blogosphäre wird man deshalb aber nicht abstreiten können.

    Die deutsche Blogosphäre ist eben noch ein Nischenphänomen, was u. a. auch daran liegt, dass fast alle gesellschaftlich relevanten Institutionen sich dem Bloggen bislang verweigern.

    Ein geradezu symptomatisches Beispiel finde ich in Hamburg: Da bloggt Jan Schmidt (Schmidt mit dete) auf hohem Niveau und alles andere als unreif. Allein: Das Institut, an dem er jetzt arbeitet und das sich mit Medienforschung befasst, führt natürlich kein Blog (das Hans-Bredow-Institut der Universität Hamburg).

    Solange das Bloggen in Deutschland eine Sache von Privatleuten, einigen Nachwuchs-Wissenschaftlern und wenigen Unternehmen (Daimler!) bleibt, kann sich auch keine gesellschaftliche Relevanz entwickeln.

  3. mjays said, on April 11, 2008 at 12:21

    Das mag sicher richtig sein. Dann muss man sich jedoch überlegen, wie man die entsprechenden Institutionen davon überzeugen kann, dass dieses Internet nichts böses ist. Denn dort liegt meiner Meinung nach der Hase begraben.

    Die Blogs leiden darunter, dass man hierzulande dem Internet fast sämtliche Qualitäten abspricht – man beachte einfach die Rede von Kurt Beck zum Auftrag der öffentlich-rechtlichen. Solange das Internet mit Generalverdacht belegt ist, und weiterhin keine Beispiele kommuniziert werden, in denen Blogs tatsächlich relevantes leisten, wird es so schnell auch nicht besser.

  4. media-ocean said, on April 11, 2008 at 13:46

    Wissenschaft meets Journalismus meets Blogs meets Netzeitung…

    Wie ich gerade via Netzpolitik.org gesehen habe, hat sich bei der Netzeitung jemand an der Lektüre zweier wissenschaftlicher Publikationen versucht, bei der ich auch mit einem Beitrag vertreten bin. Es handelt sich dabei um den folgenden Doppelband:

    ….

  5. Jan Schmidt said, on April 11, 2008 at 14:56

    @ Matthias: danke für die Blumen :)
    Es gibt übrigens inzwischen ein Blog am HBI, nämlich zu unserem “Jugendliche und Web 2.0”-Projekt. Wir haben es bisher noch nicht groß angekündigt (es ist aber schon in mindestens einem anderen Blog verlinkt… *raetsel raetsel* :)), werden das aber hoffentlich kommende Woche machen können. Und da irgendwann im Lauf der kommenden Monate auch unsere Instituts-Homepage gerelaunched wird, könnten evtl. weitere Blogs hinzukommen.
    Ich merke aber im Austausch mit meinen Kollegen, dass es für viele ungewohnt und fremd ist – und mal ehrlich: Man muss sich in gewisser Weise ja auch auf das Bloggen und seine etwas andere Sprache und Geschwindigkeit einlassen, was einfach nicht jedermanns Sache ist.
    Immerhin: Einer der beiden Direktoren hat einfach mal angefangen (und mir auch die Erlaubnis gegeben, es zu verlinken.. ;-):

    http://blog.ikm-recht.de/

  6. Matthias said, on April 12, 2008 at 20:02

    @mjays: Das Internet unter “Generalverdacht” ist ein interessanter Gedanke. Aber könnte es nicht auch ein Generationenproblem sein? Junge Leute scheinen mit dem Internet ja keine Probleme zu haben, während die Kritik bzw. Ablehnung doch eher von den Leistungsträgern (also der älteren Generation) zu kommen scheint.

  7. mjays said, on April 13, 2008 at 22:35

    @Matthias Das Generationenproblem ist sicher ein begünstigender Faktor, ich denke aber nicht, dass das als ausreichende Begründung herangezogen werden kann. Auch ‘ältere’ nutzen das Internet in den meisten Fällen im Arbeitsumfeld ja sehr intensiv, nur unterscheidet sich diese Nutzung natürlich drastisch. Es scheint sich eher eine Institutionenhörigkeit, wie sie den deutschen ja schon öfter nachgesagt wurde, eingestellt zu haben. Das gibt es in bälde dann auch ausformulierter.

  8. […] ein paar Gedanken dazu geäußert werden. Ich hatte mich in in den Kommentaren zu meinem vorherigen Artikel zu diesem Thema zu der These hinreißen lassen, dass das Internet in Deutschland unter […]


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