Mjays Planet

Privatsphärendingens ist konservative Leitkultur

Posted in Web by Martin Spindler on May 27, 2008

Mrs. Bunz schreibt über Sozialstress. Sie schreibt über Kategorien von Freunden. Sie schreibt über Kreise der Privatsphäre. Und sie schreibt:

Und dann schüttele ich wütend den Dutt, worüber reden die eigentlich da draußen, das kann doch nicht sein. Schleppen wir immer noch Spuren dieser fiesen Fünfziger mit uns herum?

Und ich erschrecke. Wollen uns die ganzen Artikel über die Probleme des Datenschutzes in sozialen Netzwerken in den Magazinen, Zeitungen und Onlinepräsenzen nicht immer klar machen, dass man vorsichtig sein solle, mit seiner Netzpräsenz. Dass man da ja nichts falsches reinstellen solle. Und dass das früher ja mal revolutionär war. So Datenschutz und Achtundsechzig und Volkszählung und so weiter.

So schreibt die derzeitige Zeit Campus in ihrem Leitartikel Ausziehen 2.0 über die Gefahren, die das Leben im Netz so mit sich bringe. Angeführt wird mal wieder das Beispiel mit der Volksbefragung und der markige Slogan: Unsere Daten müsst ihr raten.

Nur geht es dabei eben um den Staat und dessen Sammelwut. Es geht um Daten, zu deren Herausgabe man gezwungen werden sollte. Es geht Daten, die Preisgegeben werden, ohne dass man einen Vorteil daraus zieht, und ich beziehe mich hier nicht auf irgendwelche dubiosen Gewinnspiele oder Programme á la Payback.

Netzwerke leben davon, dass Menschen miteinander kommunizieren. Welche Vorteile ein bestimmtes Maß an Vertrautheit und damit auch Öffnung eines Teils der Privatsphäre hin zur (Teil-)Öffentlichkeit bietet zeigt Jeff Jarvis. Und was sagt der zu den vielbeschworenen Gefahren des Lebens in der Öffentlichkeit?

But I think this will be a matter of mutually assured humiliation: We will all have our moments of youthful indiscretion and we will have to forgive others’ if we want them to ignore ours. I say that could even make us more tolerant. OK, so you inhaled. So did I. Had awful taste in music once? Me, too. Wrote blog posts we’ve regretted? Haven’t we all? Yes, even our politicians’ youthful foibles will be open to the world to see and isn’t it better that we see their fallibility and humanity before they get into office? Isn’t it healthier if they and we don’t pretend they’re anything more than just people and politicians? And isn’t it better for democracy if they are forced to be more transparent?

Das Leben in der Öffentlichkeit, das Leben im Internet bietet Vorteile. Die Kommunikation ist um so vieles einfacher. Wir müssen und sollten uns nicht verstecken hinter einem Begriff von Privatsphäre, der so genutzt wird, als befänden wir uns noch in den Tiefen des Biedermeier. Das Öffentliche, das sind wir alle. Wir lieben den öffentlichen Raum, Reclaim The Streets ist ein populärer Slogan dieser Tage, und doch trauen wir uns nicht, mit dieser Öffentlichkeit umzugehen.

Ich behaupte: Dass wir öffentlich leben ist nicht das Problem. Dass wir mit dieser Öffentlichkeit nicht umgehen können ist das Problem.

Natürlich sollte jeder über seinen digitalen Fußabdruck nachdenken. Dazu muss man nicht die bösen Beispiele des Personalers anführen, der einen nicht einladen will, weil man was böses in dieses Internet geschrieben hat. Das sind Beispiele aus Bereichen, die mit den Begriffen Blog und Social Network noch Extrovertiertheit und Geekiness verbinden. Das Internet bietet eine bislang noch nicht dagewesene Form zur Selbstreflexion. Wenn man öffentlich lebt, schreibt, denkt, ist man zwangsläufig gezwungen, eigene Positionen zu überdenken. Die goldene Regel nach Kant, dass mit dem Handeln und der Maxime lässt sich leicht übertragen.

MSPRO schreibt dazu, zwar in anderem Kontext, aber dennoch sehr treffend:

Demokratie und Meinungsfreiheit – was nebenbei mit einschließt, dass die Meinung eines Einzelnen immer wichtig ist und geäußert werden sollte – ist ein Wert, den dort [in den USA] fast niemand anzweifeln würde, egal wie weit “rechts” er sich befindet.
In Deutschland hingegen findet man sogar viele “Linke”, die die Legitimität von Blogs glatt in Abrede stellen wollen. […] Auch einige Journalisten, die sich sonst offen links positionieren, würden am liebsten eine Lizenz zur Meinungsabgabe fordern, wie man immer mal wieder voller Erschrecken lesen muss. Ich würde also behaupten, dass diese Art der Publizistik von Jedermann auch weiten Teilen der Linken durchaus suspekt ist.

Die eigene Meinung zu äußern heißt auch, eine eigene Öffentlichkeit zu haben. Natürlich gilt nach wie vor: Das Recht auf freie Meinungsäußerung umfasst nicht, dass auch jemand zuhören muss.

Dennoch muss man seine Meinung, sein Denken, sein Geschriebenes, schon öffentlich zugänglich machen, damit es wahrgenommen werden kann.

Das Leben in der Öffentlichkeit, derzeit nahezu unter dem gleichen Rechtfertigungszwang wie damals die Kommune 1, bietet diese Möglichkeiten. Es ist Plattform zur Meinungsäußerung, Mittel zur Kommunikation und zwingt zur Selbstreflexion. Und davor muss man also Angst haben, nur weil ein Personaler sich daran stören könnte?

Wir leben nicht mehr im Biedermeier. Warum schreiben dann alle, dass das eigene Leben gefälligst nur in den eigenen vier Wänden stattzufinden hat?

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